Übersetzung von Filmtiteln

"Manche Ideen sind haarsträubend"

Wenn ein ausländischer Film bei uns ins Kino kommt, erhält er meist einen deutschen Titel. Thomas Menne vom Filmvertrieb Buena Vista International erzählt, wie die deutschen Übersetzungen zu Stande kommen.

von Chris Tomas

 

Über deutsche Verleihertitel von ausländischen Filmen gehen die Meinungen auseinander. Dass ein Film wie "Home On The Range" bei uns "Die Kühe sind los" (2004) heißt, empfinden manche als hilfreich. Andere wiederum sehen Übersetzungen als Beleidigung am Original-Werk. Die Übersetzungen gehören zum Aufgabenbereich von Thomas Menne, stellvertretender Geschäftsführer der Filmvertriebsfirma Buena Vista International. Im Interview mit ARD.de erzählt Menne, welch ein langwieriger Prozess dahintersteckt.

 

ARD.de: Herr Menne, warum werden Filmtitel überhaupt übersetzt?
Thomas Menne: Das hat ganz simple Gründe. Wenn man einen Filmtitel im Original nicht versteht, hat es keinen Sinn, ihn in Deutschland beizubehalten. Eine Übersetzung dagegen hat für den Zuschauer viele Vorteile: Sie macht den Film greifbarer, transportiert das Genre. Der Zuschauer weiß dann hoffentlich, was ihn erwartet.

 

Kann man nicht davon ausgehen, dass das Publikum genügend Englisch kann, um beispielsweise einen amerikanischen Filmtitel zu verstehen?
Das kommt auf die Zielgruppe an. Es gibt keine einheitlichen, klaren Richtlinien. Wir haben zum Beispiel "A Bug's Life" in "Das große Krabbeln" (1998) umbenannt, weil wir glauben, dass eine jüngere Zielgruppe mit dem Wort "Bug" nichts anfangen kann. Bei dem Wort "Krabbeln" hingegen denkt man an etwas Lustiges, Kindliches. So lässt sich mit einem deutschen Titel mehr transportieren. Der Film "Cars" (2006) wiederum hat auch in Deutschland seinen Originaltitel behalten. Wir sind dabei davon ausgegangen sind, dass "Car" ein bekanntes Wort ist, was man schon früh in der Schule lernt.


Leicht ist die Auswahl eines deutschen Titels sicherlich nicht, oder?
Die Titelfindung ist fast immer sehr kompliziert. Je nach Film sind daran bis zu vierzig Leute beteiligt. Wir arbeiten dann mit klassischen Brainstorming-Techniken, schreiben Schlagworte auf und sammeln Vorschläge. Manchmal beauftragen wir auch Agenturen, deren Vorschläge wir dann diskutieren. Natürlich gibt es da verschiedene Meinungen. Aber das gehört zu so einem kreativen Prozess dazu. Letztlich wird die Entscheidung dann oft intuitiv gefällt. Bei besonders wichtigen Filmen testen wir vorher mit Umfragen, wie der Titel bei den Zuschauern ankommt.

 

Können Sie sich an Vorschläge erinnern, die es dann letztlich nicht geschafft haben?
Oh, da gibt es lustige Beispiele. Wir sammeln immer besonders kuriose Ideen und Stilblüten. Für den Film "Hollywoodland", der im Februar 2007 als "Die Hollywood-Verschwörung" an den Start ging, wurden zuvor auch so absurde Titel wie "Mann aus Stahl mit vielen Schwächen", "Super Mann, Super Leben, Super Abgang" oder "Gestern super, morgen tot" vorgeschlagen. Was da manchmal im Gespräch ist, ist zum Teil haarsträubend witzig.


Eine interessante Kreation aus ihrem Haus, die sich letztlich doch durchsetzen konnte, war der Titel "Der Babynator" für den amerikanischen Film "The Pacifier". In der Komödie spielt Vin Diesel einen harten Kerl, der plötzlich fünf Kinder am Hals hat.
"Der Babynator", das war ein Vorschlag unserer österreichischen Kollegen, den wir gleich gut fanden. Dieser Titel ist so ein Beispiel dafür, wenn man sofort weiß: Das ist es! "Ein ungewöhnlicher Titel, eine interessante Wortschöpfung und er betont auch den komischen Aspekt des Films. Wirklich gelungen!

 

Viele Leute sehen das anders. Sie finden solche Neuschöpfungen grauenhaft, quasi eine Beleidigung des Films. Was entgegnen sie denen?
Tja - der eine sieht es so, der andere so. Man redet da letztlich über Meinungen, bei denen man nie einen Konsens finden wird. Die wörtliche Übersetzung von "While You Were Sleeping" mit "Während du schliefst" (1995) fanden zum Beispiel auch viele Leute ganz furchtbar. "So könnt ihr den Film doch nicht nennen!" hieß es. Letztlich wurde er aber ein großer Erfolg, der Durchbruch für Sandra Bullock.

 

Eine andere beliebte Lösung ist es, den Originaltitel mit einer Übersetzung zu verknüpfen, etwa in "Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt". Konnten Sie sich da nicht entscheiden?
Es gibt mittlerweile den Trend, dass die Kinogänger zunehmend auch den Originaltitel kennen wollen. Bei einer Lösung wie dieser hat der Zuschauer beides und kann wählen, welcher Titel ihm besser gefällt.

 

Bei der Titelgebung gibt es ja auch Moden. Früher wurde wirklich jedem englischen Film ein deutscher Titel gegeben. Sogar der Beatles-Film "Help!" hieß bei uns "Hi-Hi-Hilfe!". Heute dagegen lässt man auch öfter mal den englischen Titel stehen.

Es ist ja ganz offensichtlich, dass die Leute heute mehr Englisch können als früher. Nicht nur bei der Titelfindung, auch bei der Synchronisation wird daher mehr Englisch verwendet. Schön ist es natürlich, wenn man gar nicht übersetzen müsste, wenn der Filmtitel für sich spricht. Im Englischen spricht man dann von einem "Iconic Title". Ein Beispiel dafür ist "Armageddon". Das ist ein Ausdruck, der auf der ganzen Welt verstanden wird.

 

Gefällt ihnen das zunehmende Englisch?
Gute Frage. Ich sehe das eher sachlich: Filme müssen vermarktet werden. Man muss sich nach dem Zuschauer richten, der Zugang muss ihm leicht gemacht werden. Ich denke schon, dass die Sprache ein schützenswertes Gut ist, aber gleichzeitig wird die Welt eben auch immer kleiner.


Wobei es dann doch wiederum kurios ist, dass manche englische Titel im Deutschen einen neuen englischen Titel bekommen. So wie "Miss Congeniality", der bei uns unter dem Namen "Miss Undercover" (2000) ins Kino kam.

Wir hatten bei uns einen ähnlichen Fall mit dem Film "Wild Hogs". Dieser Titel geht in Deutschland einfach nicht. Da der Film eine Reminiszenz an alte Biker-Filme ist, haben wir ihn "Born To Be Wild" genannt - was ja auch englisch ist, aber eben ein in der gewünschten Zielgruppe sehr gelernter Satz. Dennoch haben wir ihm aber noch einen deutschen Zusatztitel gegeben: "Born To Be Wild - Saumäßig unterwegs", um ihn so breit verständlich wie möglich anzulegen.

 

Was reagiert man eigentlich im Ausland darauf?
Das kommt darauf an. Zum Teil wollen die Filmemacher schon wissen, was aus ihrem Originaltitel geworden ist. Das ist recht skurril, weil man den Titel dann quasi "rückübersetzen" muss, damit er verstanden wird. Manchmal haben dann der Regisseur oder die Produzenten noch ein Mitspracherecht. In den meisten Fällen sind sie aber einverstanden. Eine gute Vermarktung ist schließlich auch in ihrem Interesse.

 

Erschienen bei ARD.de, 26.03.2007