Maurice Wilson

Der vergessene Held

Der Engländer Maurice Wilson hatte 1932 in Freiburg eine Vision: allein und als erster den höchsten Berg der Welt zu erklimmen. Hat er es tatsächlich geschafft?

Badische Zeitung

von Chris Tomas

 

Heute vor sechzig Jahren sind zwei Männer zu Helden geworden: Sir Edmund Hillary und sein Sherpa Tenzing Norgay. Beide haben den Mount Everest bezwungen, als erste in der Geschichte. Doch auch vor ihnen sind mutige Bergsteiger dem mit 8848 Metern höchsten Gipfel der Welt schon sehr nahe gekommen, gefährlich nahe sogar. Und vielleicht haben sie ihn auch erklommen. Wer weiß? Einer der vergessenen Helden des Himalaya ist der Engländer Maurice Wilson. Seine verrückte Geschichte beginnt in Freiburg.

 

Der Journalist Peter Meier-Hüsing hat vor zehn Jahren anhand der Tagebücher und Briefe die Biografie von Maurice Wilson rekonstruiert. Das Buch "Wo die Schneelöwen tanzen" ist heute vergriffen, die Geschichte des exzentrischen Abenteurers in Vergessenheit geraten – fast.

 

Reinhold Messner: "Es war eine phantastische, eine irre Idee"

 

Maurice Wilson wird 1898 in Bradford geboren. Seine Eltern leben wie die meisten in der grauen, nordenglischen Arbeiterstadt von der Wollindustrie. Wilson träumt bald davon, aus dem tristen Alltag auszubrechen. Begierig liest er Geschichten über ferne Länder, lernt Sprachen. Kaum ist er achtzehn, tritt er voller Tatendrang in die Armee ein. Es ist das Jahr 1916, England befindet sich im Ersten Weltkrieg. Maurice Wilson wird an die Front geschickt – und landet dort auf dem Boden der Tatsachen. Das Grauen in den Schützengräben ist unbeschreiblich. Tausende sterben oder werden verstümmelt. Auch Wilson wird verletzt: Eine Kugel durchschlägt seinen linken Arm. Er wird für immer steif bleiben.

Maurice Wilson fühlt sich mit gerade einmal 21 Jahren bereits leer und enttäuscht vom Leben. "Er gehörte, wie viele junge Männer in dieser Zeit, zu einer verlorenen Generation", sagt Meier-Hüsing. Maurice Wilson reist viele Jahre ruhelos umher und sucht sein Glück in Amerika und in Neuseeland.

 

Im Schwarzwald geschieht das Wunder: Wilson wird gesund

 

Doch er findet es nicht, er weiß nichts mit sich anzufangen. Schließlich, zurück in England, erkrankt er schwer. Die Ärzte wissen keinen Rat. "Ich habe den Tod gesehen", wird er später einem tibetischen Lama erzählen. Sein Leben scheint vorbei. Vertan.

 

Doch dann kommt alles anders. Ein Heiler in London rät ihm rät, 35 Tage lang zu fasten und zu beten. Wilson reist in den Schwarzwald, quartiert sich in der Nähe von Freiburg in einem Gasthaus ein und unterzieht sich der Kur. Wo genau, das ist nicht mehr in Erfahrung zu bringen. Das Wunder aber geschieht: Er wird gesund. Mehr als das, er fühlt sich wie neugeboren, wach und klar. Man schreibt das Jahr 1932, es ist Herbst, Freiburg leuchtet in warmen Farben. Und dann, in einem Café an der Dreisam, hat er eine Vision: Er würde als erster Mensch der Welt auf dem Mount Everest stehen. Er allein – auf dem höchsten Berg der Welt.

 

"Es war eine phantastische, eine irre Idee", schreibt der Südtiroler Bergsteiger und Abenteurer Reinhold Messner später über ihn in einem seiner vielen Bücher. Messner, der 1978 als erster Mensch den Mount Everest ohne Zufuhr von Flaschensauerstoff bestiegen und auch sonst jeden der insgesamt vierzehn Achttausender besiegt hat, zollt dem englischen Einzelgänger Respekt: "Er war davon überzeugt und wollte es beweisen."

Viele hätten aufgegeben – Maurice Wilson nicht

England hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Bergsteiger zum Mount Everest geschickt. Die Eroberung des "dritten Pols" war nationale Aufgabe. Doch keine der aufwendigen und teuren Expeditionen des Landes hatte Erfolg. Der letzte Versuch fand 1924 statt, dabei waren George Mallory und Andrew Irvine ums Leben gekommen. Ob die beiden damals den Gipfel erreichten, konnte nie geklärt werden – deshalb gelten Hillary und Norgay als Erstbesteiger.

 

Von ihnen ahnt Maurice Wilson freilich nichts, an diesem Tag in Freiburg. Er sieht den Grund für das Scheitern der englischen Expeditionen in ihrer Größe und ihrem Gewicht. Allein, glaubt er, würde er es schaffen können. Er hat eine Botschaft, die er in seinen Tagebüchern niederschreibt: Er will der Welt zeigen, dass Glaube Berge versetzen kann, dass ein einsamer Pilger, der keinen Ruhm im Sinn hat, es weiter bringen kann als die englische Krone, die den Berg nur aus Prestigegründen erobern will.

 

Und so setzt Maurice Wilson seinen wahnwitzigen Plan in die Tat um. Er lernt fliegen, trotz seines steifen Arms. Er kauft einen kleinen Doppeldecker, den er "Ever Wrest" nennt, ewiger Kampf, und fliegt damit bis nach Indien. Um die Alpen muss er einen Bogen machen, weil die Maschine zu schwer ist, und um Persien, weil er keine Landeerlaubnis erhält. Manch eine Strecke schafft er nur mit dem letzten Tropfen Benzin. Es ist eine unglaubliche fliegerische Leistung. Sein Mut und seine Euphorie kennen keine Grenzen. Die britische Presse feiert ihn – doch den englischen Behörden ist er ein Dorn im Auge. Dass ein Einzelner schaffen würde, woran die teuren Expeditionen des Königreichs gescheitert sind – das kann und darf nicht sein. Man legt ihm Steine in den Weg, wo immer es möglich ist. In Darjeeling am Fuße des Himalaya ist für Maurice Wilson Ende: Er bekommt keine Weiterreiseerlaubnis nach Nepal oder Tibet.

 

Helfer aus dem Volk der Bhutia

 

Viele hätten jetzt aufgegeben. Es ist bereits Mai im Jahr 1933, bald setzt der Monsun ein. Dann ist eine Besteigung des Mount Everest unmöglich. Maurice Wilson sitzt fest und kann nichts tun. Jeder Schritt von ihm wird überwacht. Es geht weder vor noch zurück – er muss in Indien bleiben. Nach außen hin gibt er nun vor, sein Vorhaben fallengelassen zu haben. Doch seine Vision aus Freiburg lässt ihn nicht los. Im Geheimen trifft er Vorbereitungen. In den nächsten Monaten knüpft er unauffällig Kontakte, lernt ein paar Brocken Tibetisch. Und er findet Helfer aus dem Volk der Bhutia im indischen Sikkim: Tsering, Tewang und Rinzing. Sie kennen die Gegend gut. Wilson verkleidet sich als Lama, als spiritueller Lehrer. Er gibt vor, taub und stumm zu sein. Und schließlich, im März 1934, bei Nacht und Nebel, bricht er mit ihnen auf.

 

"Auf geht's! Ein großartiger Tag!" - Wilsons letzter Tagebucheintrag

 

Vom indischen Darjeeling wandern sie bis ins weit entfernte Tibet, ein Gewaltmarsch, immer nachts und immer auf der Hut vor patrouillierenden Grenzbeamten. Doch sie schaffen es. Schaffen es bis ins Kloster Rongpu am Fuße des Mount Everest, wo sie der dortige Lama respektvoll empfängt. Wilson wird ihm von seiner Vision berichten und davon, wie er dem Tod ins Auge gesehen hatte. Schließlich, am 12. Mai, bricht er mit Tewang und Rinzing auf in Richtung Everest, in die eisigen Höhen, zu seinem Ziel. Hier verlieren sich seine Spuren im Eis. Der Abenteurer aus Bradford wird nie zurückkehren.

 

 Wie weit Maurice Wilson es tatsächlich schafft, kann später nie geklärt werden. Man weiß nicht einmal, an welchem Tag er stirbt. Zwei Jahre nach seinem Besteigungsversuch findet man die Leiche am Fuße des Nordsattels auf etwa 7200 Metern Höhe. Sein Tagebuch hat er bei sich. Hat er aufgeben müssen? Oder hat er es weiter geschafft, als viele wahrhaben wollen? Hat er vielleicht sogar auf dem Gipfel gestanden? "Auf geht’s! Ein großartiger Tag!" – das ist sein letzter Tagebucheintrag am 31. Mai 1934. Im Jahr 1960 wird auf 8500 Metern Höhe ein einsames Zelt gefunden. Hat es Wilson gehört? Von hier aus hätte er einen Aufstieg bewältigen können.

 

"Aus bergsteigerischer Sicht ein Himmelfahrtskommando"

 

Alpinhistoriker glauben nicht an einen solchen vergessenen Triumph. Der in Südtirol lebende deutsche Diplomgeologe und Autor Jochen Hemmleb hat über Jahre die Besteigungsgeschichte der Everest-Nordseite erforscht. Er ist sich sicher: "Maurice Wilson dürfte niemals die Ressourcen für eine vollwertige Gipfelbesteigung gehabt haben." Wilson hatte keine Erfahrung, eine schlechte Ausrüstung, nicht einmal Steigeisen. "Aus bergsteigerischer Sicht war das ein Himmelfahrtskommando", sagt Hemmleb. Dennoch, räumt er ein, scheint es möglich, dass Wilson weit über den Nordsattel des Everest hinauskam – weiter, als viele ihm zugetraut hätten.

 

Fest steht: Auch nach seinem Tod gibt Maurice Wilson keine Ruhe. Seine Leiche war zwar von einer späteren englischen Expedition in einer Gletscherspalte begraben worden. Doch Gletscher bewegen sich. Und 1960, sieben Jahre nach Hillarys und Norgays Triumph, gibt das Eis Wilsons Körper wieder frei, 1975 erneut, 1985 noch einmal, und ein letztes Mal 1989 – ganz so, als ob der Mount Everest ihn nicht bei sich behalten will, ihn immer wieder ausspucken und der Welt in Erinnerung rufen will, bis heute.

 

"Nach landläufigen Kriterien ist Maurice Wilson gescheitert", sagt sein Biograf Meier-Hüsing. Aber vielleicht ist sein wahrer Sieg ein anderer. Er hat gezeigt, was Mut, Glaube und Selbstvertrauen bewirken können. Und heute, Jahrzehnte später, wo der höchste Berg der Welt zum Ziel für den Massentourismus geworden ist, wo das Basislager einem großen Campingplatz gleicht, wo die einstigen Pioniere in den Hintergrund getreten sind angesichts immer neuer Rekorde, die hier aufgestellt werden – heute bleibt das Abenteuer von Maurice Wilson wohl einzigartig.

 

Erschienen am 29. Mai 2013 in der Badischen Zeitung.