PET-Flaschen, verpackte Lebensmittel ...

So gefährlich ist Mikroplastik

Die Mini-Partikel verschmutzen nicht nur die Meere. Über Nahrung und Trinkwasser gelangen sie auch in unseren Körper, sogar ins Blut

Im Interview: Dr. Claus-Hermann Bückendorf Facharzt für Innere Medizin und Umweltmediziner aus Kiel

 

BILD der FRAU: Dr. Bückendorf, österreichische Forscher haben gerade in einer Pilotstudie gezeigt, dass sich Mikroplastik mittlerweile auch im menschlichen Körper nachweisen lässt …
Dr. Bückendorf: Ja, ein brisantes Thema. Mikroplastik ist ein weltweites Problem, nicht nur für die Umwelt – inzwischen ist es eben auch in unserer Nahrungskette enthalten. An der österreichischen Studie haben acht Menschen unterschiedlichen Alters von verschiedenen Kontinenten teilgenommen. Das ist nicht viel, aber das Ergebnis war sehr interessant: Bei allen Teilnehmern, egal woher sie kamen, fand man in Stuhlproben Mikroplastikteilchen. Und zwar von acht bis neun verschiedenen Kunststoffarten. Wir können also davon ausgehen, dass das wahrscheinlich bei uns allen so sein wird. 

 

Woher stammen diese Kunststoffteilchen hauptsächlich?
Was man am häufigsten fand, waren die Kunststoffe Polypropylen, PP abgekürzt, und Polyethylenterephthalat, also PET. PET steckt vor allem in Plastikflaschen, PP in Plastikverpackungen. Tatsächlich hatten alle Teilnehmer Nahrung aus Plastikverpackungen zu sich genommen und aus Plastikflaschen getrunken. Wenn Sie heute einkaufen, ist ja der größte Teil verpackt und verschweißt.

 

Wie reagiert der Körper darauf?
Natürlich ist das bei jedem verschieden. Aber wenn wir mit zu viel Mikroplastik in Kontakt kommen, besteht die Gefahr, dass wir uns gegen diese Kunststoffe sensibilisieren. Sicherlich wird ein Teil wieder ausgeschieden. Aber ein anderer Teil bleibt irgendwo im Darm hängen. Der Körper reagiert darauf, indem er das Immunsystem hochfährt, Entzündungsprozesse auslöst.

 

Weiß man etwas über die langfristigen Folgen?
Für genaue Aussagen ist es noch zu früh. Was man aber weiß, ist, dass sich andere Schadstoffe an Mikroplastik binden. Das können chemische Substanzen sein, aber auch resistente Keime. Das Plastik fungiert als Wegbereiter in den Körper. Und aus der Tiermedizin ist erwiesen, dass Mikroplastik vom Darm-Trakt resorbiert wird. Das bedeutet, die Teilchen gelangen ins Blut, in die Lymphgefäße und die Leber. Zudem beeinträchtigt Mikroplastik die Aufnahme von Nährstoffen. Dadurch verändert sich das Mikrobiom, die Bakterienzusammensetzung im Darm. Wir sprechen dann von einer mikrobiellen Dysbalance. Der Darm, der ja ein wichtiger Teil des Immunsystems ist, verliert seine Widerstandskraft. Die Folgen sind Allergien und Autoimmunreaktionen, die weitergehende Veränderungen im gesamten Organismus auslösen können.

 

Kann man sich davor schützen?
Wenn man weiß, welche Wirkung Mikroplastik hat, kann man präventive Maßnahmen treffen. Probiotische Therapien können der Darmflora guttun. Ansonsten: keine Getränke aus Plastik-, sondern aus Glasflaschen trinken. Und möglichst wenig eingeschweißte Produkte kaufen, sondern frische Lebensmittel vom Markt. Ganz einfach, so wie es früher war.

 

Was ist Mikroplastik?

Kunststoffteilchen, die kleiner als 5 mm sind, werden als Mikroplastik bezeichnet. Sie stecken als Granulat in Peelings oder Duschgels, entstehen aber auch durch Abrieb und Zerfall größerer Plastikteile.

 

Erschienen in "Bild der Frau", 12.12.2018