Jeder Dritte schlafwandelt

Nachts auf  Wanderschaft

Manche setzen sich nur kurz im Bett auf. Andere geistern durch die Wohnung, verlassen sogar das Haus – ohne sich am nächsten Tag daran zu erinnern. Mediziner stehen vor einem Rätsel

Eltern jagt es meist einen Riesenschreck ein: Mitten in der Nacht tappt ihr Kind durch die Wohnung, die Augen geöffnet, scheinbar völlig geistesabwesend. Dabei ist das gar nicht so ungewöhnlich, sagt Prof. Dr. Ingo Fietze, Schlafforscher an der Berliner Charité. „Zwischen dem vierten und siebten Lebensjahr schlafwandelt jedes zweite Kind.“ Meist verliert sich die Störung bis zur Pubertät. Doch rund zwei Prozent aller Menschen plagen sich noch im Erwachsenenalter damit herum. Forscher der Stanford University in Kalifornien schätzen, dass fast jeder Dritte im Laufe seines Lebens schlafwandelt. Weil aber nur wenige aufstehen oder umherlaufen, wird das oft gar nicht bemerkt. Manche Menschen richten sich auch nur kurz im Bett auf. Oder schlafwandeln einmal und danach nie wieder.

 

Wieso schlafwandeln  Menschen überhaupt?

Medizinisch heißt die Störung „Somnambulismus“. Was sie auslöst, ist bis heute unklar. Studien haben gezeigt, dass Veranlagung eine Rolle spielt: In einigen Familien gibt es gleich mehrere Schlafwandler. Besser erforscht ist, was das Schlafwandeln verstärkt. „Wenn Betroffene Alkohol trinken. Oder eine Nacht schlecht schlafen und in der nächsten den Schlaf nachholen. Bei Infekten oder Fieber. Oder wenn sie Medikamente nehmen, die den Tiefschlaf verlängern. Je länger der Tiefschlaf, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass man schlafwandelt“, so Prof. Fietze. Warum es dennoch vor allem Kinder trifft? Wissenschaftler vermuten, dass bestimmte Teile des zentralen Nervensystems bei den Kleinen noch nicht so koordiniert arbeiten.


Warum sagte man  früher „mondsüchtig“?

„Weil Schlafwandler immer dem Licht entgegengehen – und früher war der Mond die einzige Lichtquelle in der Nacht“, erklärt Prof. Fietze. Vermutlich dient das Licht der Orientierung. Heute, wo es zahllose Lichtquellen gibt, spielt der Mond kaum noch eine Rolle. Aber wenn schlafwandelnde Kinder plötzlich im Wohnzimmer erscheinen, wo die Eltern noch fernsehen, sind sie dem Licht gefolgt. Mit diesem Wissen kann man die Kleinen aber auch schützen. „Wenn nur im Kinderzimmer ein Licht leuchtet und nirgendwo anders in der Wohnung, dann läuft das Kind wahrscheinlich gar nicht raus“, sagt Prof. Fietze. Er empfiehlt Eltern deshalb, Nachtlichter zu installieren. Übrigens: Dass Schlafwandler auf ihrem Weg zum Licht die Arme vor sich her strecken, ist ein Mythos.

 

Schlafwandler wecken oder nicht?

Zu Hause lassen sich Schlafwandler oft einfach wieder ins Bett führen, ein Wecken ist nicht notwendig. „Aber wenn Gefahr droht, sollte man denjenigen wach machen. Nicht mit Rütteln, sondern mit Ansprechen und hellem Licht“, rät Prof. Fietze. „Und wenn jemand aus der Wohnung gelaufen ist, muss man nicht versuchen, ihn die Treppen wieder hochzuschieben. Lieber hinsetzen, wecken und erklären, wo man ist, was passiert ist.“ Dabei ist Behutsamkeit gefragt, denn der Schlafwandler befindet sich in diesem Moment im Tiefschlaf. Wird er herausgerissen, kann die Reaktion auch mal ungehalten ausfallen. Manche erschrecken sich sehr. Kleiner Trost für Angehörige: Betroffene wandeln nicht die ganze Nacht, sondern oft nur einige Minuten im ersten Nachtdrittel. 

 

Wie gefährlich ist das Umherlaufen?

Gibt es sie, die sprichwörtliche „schlafwandlerische Sicherheit“? Prof. Fietze sagt, Schlafwandler hätten tatsächlich oft eine Art Schutzengel. „Gott   sei Dank, und ich mache den Job ja schon lange, hatten wir noch nie Tote, auch keine extrem schweren Verletzungen.“ Dennoch komme es regelmäßig vor, dass schlafwandelnde Kinder beispielsweise aus dem Fenster fallen. „Denn junge Leute träumen noch in der Tiefschlafphase.  Und wenn die einen Albtraum haben und glauben, sie müssten sich  aus einer gefährlichen Situation retten, dann springen sie auch nach draußen.“ Erwachsene Schlafwandler sind zu erstaunlich komplexen Handlungen fähig, etwa zum Kochen. Wer viel schlafwandelt, leidet jedoch irgendwann unter der schlechten Schlafqualität.

 

Was hilft gegen  Schlafwandeln?

Zunächst: die Wohnung schlafwandelsicher machen, Stolperfallen und scharfe Kanten vermeiden, Fenster und Balkontüren sichern. Das senkt das Verletzungsrisiko. „Eventuell von innen abschließen und den Schlüssel weglegen“, so Prof. Fietze. Bei Kindern genügt meistens Geduld – das Schlafwandeln legt sich mit der Zeit von allein. Für Erwachsene gibt es auch Medikamente. Ein Termin beim Arzt kann bei schweren Fällen helfen.

 

Erschienen in "Bild der Frau", 22.2.2019