"Wenn du Sicherheit willst, bleib im Bett"

Er flog mit Buschpiloten übers Nordpolarmeer, verirrte sich im Schnee und weiß, wie sich der Atem eines Eisbären anfühlt. Sein mutigster Schritt aber, sagt der Naturfotograf Norbert Rosing, war ein ganz anderer.

von Chris Tomas

 

Ausgerechnet Eisbären. Ausgerechnet die Tiere, die Norbert Rosing am wenigsten interessierten, verändern seine Karriere. Es ist 1989, Kanada, die Herbstsonne glitzert. Rosing hat sich seinen Mietwagen geschnappt, ist rausgefahren aus Churchill, einem kleinen Städtchen an der Hudson Bay. Er hat kein spezielles Ziel. Lässt sich treiben, will schauen, was ihm begegnet, dort oben in der arktischen Weite. Und dann ist da, der Eisbär. Wie aus dem Nichts. Ein Riesentier.

 

Fast dreißig Jahre später: Norbert Rosing trägt Bundfaltenhose, ein braunes Hemd und eine schmale Brille. Abenteurer stellt man sich gerne anders vor: mit zerzausten Haaren, wettergegerbter Haut, die Goretex-Jacke immer dabei, so in etwa. Wer Norbert Rosing trifft, wird eines Besseren belehrt. Man könnte ihn für vieles halten, einen Lehrer vielleicht, hier seinem Garten in der Nähe des Ammersees.  Tatsächlich aber ist er: Deutschlands wahrscheinlich bester Naturfotograf. Ein Mann, der die Tierwelt der Arktis auf Papier gebannt hat wie kein zweiter. Und der bis heute kein bisschen von seinem Entdeckergeist verloren hat.

 

Der Bär lief, sprang in einen See, schwamm, tauchte unter Eisschollen durch und brach sie auseinander, alles im Gegenlicht. Ich machte ein paar Bilder. Nichts Besonderes, Eisbären fotografierten so viele damals, das reizte mich nicht. Andererseits hatte ich solche Bilder noch nie gesehen. Ich dachte, na gut, die mache ich am nächsten Tag nochmal besser. Aber es gab kein Morgen. Ich habe so etwas nie wiedergesehen. Und da dachte ich: Mensch, du musst einfach alles fotografieren, was dir unterkommt.

 

Wie viele Reisen er unternommen hat, kann Rosing nicht mehr zählen. Fünfzig Mal ging es nach Kanada, dreißig Mal nach Spitzbergen, fünf Mal nach Grönland. Stunden, Tage, manchmal Wochen und Monate verbringt er in der Einsamkeit, sucht nach Tieren, zeltet vor ihren Behausungen. Die Kamera immer griffbereit – für den einen, perfekten Moment. Allein im letzten Jahr war er 270 Tage unterwegs. Bei minus dreißig Grad fotografiert er Polarfüchse, Moschusochsen und immer wieder Eisbären. Sie sind es, die ihn bekannt machen. Weltweit erschienen seine Bilder in Magazinen. National Geographic und GEO druckten seine Fotos. Rosing veröffentlicht Bildbände, wird mit internationalen Preisen ausgezeichnet und tritt im Fernsehen auf. Sein berühmtestes Bild ist auf unzähligen Postern und Magazincovern verewigt. Es zeigt einen 800-Kilo-Eisbären, der vor ihm niederkniet.


Churchill ist Norbert Rosings zweites Zuhause. So oft er kann, fliegt er dorthin. Keine achthundert Menschen leben in dem abgelegenen Ort am Rand der arktischen Tundra-Zone. Doch Eisbären lassen sich hier besser beobachten lassen als irgendwo sonst. Denn im Herbst, wenn die Bucht zufriert, kehren sie aus dem Landesinneren zurück zur Robbenjagd. Für seine Bilder bereist Rosing, zusammen mit Inuit, den gesamten kanadischen Norden. Ohne Handy, ohne GPS, ohne Google Earth. Bis auf 72 Grad nördlicher Breite schafft er es – weit jenseits des Polarkreises. Doch wenn er davon erzählt, beiläufig und unaufgeregt, klingt es, als sei das nichts Besonderes.

 

Einmal habe ich eine Bärin aus einem kleinen Bus heraus fotografiert, der eine Luke auf dem Dach hatte. Ich war völlig damit beschäftigt, da spüre ich plötzlich einen heißen Atem neben mir. Ein anderer Eisbär war von der Seite gekommen, ohne dass jemand ihn bemerkt hatte. Er lehnte gegen sich gegen den Bus, sein Kopf befand sich genau neben meinem. Und dann packt er sich mein Objektiv und reißt es mir weg. Ich habe nicht lange überlegt – und ihm das Objektiv wieder aus dem Maul herausgezogen. Dann bin ich auf meinen Sitz runtergerutscht, und der Bär hat durch die Luke hindurch versucht, mich zu packen. Der war richtig sauer. Zwanzig Minuten hat er unser Auto verfolgt. Kollegen haben das gesehen und gesagt: Wir haben dich tot gesehen.

 

Dass man Norbert Rosing den Abenteurer nicht gleich ansieht, könnte auch daran liegen, dass er selbst lange nichts von dieser Seite ahnte. 1953 in Wettringen im Münsterland geboren, absolviert er erst eine Kaufmannslehre im Holzhandel, geht dann zum Militär, um schließlich Krankenpfleger in München zu werden. Mit dem Beruf ist er glücklich, fünfzehn Jahre lang. Auch weil er Dienste aneinanderreihen kann und so mehr Freizeit am Stück hat. Per Interrail fährt er in dieser Zeit mehrfach nach Nordfinnland, verliebt sich in die Wälder, die Seen, die Weite und das Licht. Und daheim in seine Frau Elli, die er auf der Krankenpflegeschule kennenlernt.


So hätte es eigentlich immer weitergehen können. Doch dann bekommt Norbert Rosing einen Bandscheibenvorfall. 1986 wird er operiert. Die Schmerzen sind stark, er kann sich kaum bewegen. Zu dieser Zeit ist ein Bandscheibenvorfall noch wesentlich komplizierter zu behandeln. Selbst nach über einem Jahr ist an schwere körperliche Arbeit mit Patienten nicht zu denken, trotz Physiotherapie. Und kein Arzt kann sagen, ob er überhaupt je in seinen Job zurückkehren wird. Norbert Rosing ist – buchstäblich – am Boden.

 

Aber irgendwie musste es ja weitergehen. Und dann habe ich gesagt: Ich fliege jetzt irgendwohin, wo es saukalt ist. Ich probiere das einfach aus. Eigentlich genau das Falsche für den Rücken, aber Kälte hat mich immer schon gereizt. Ich dachte: Wenn ich das aushalte, dann halte ich auch alles andere aus. Also bin ich nach Churchill geflogen. Es herrschten minus 38 Grad, ich stand da in der eisigen Luft, wusste, dass die nächsten hundert Kilometer kein Mensch mehr ist – und mir hat nichts gefehlt. Es ging mir super. Die Schmerzen waren weg. Es heißt ja oft, dass Rückenprobleme mit der Psyche zusammenhängen. Da oben hatte ich das Gefühl, komplett frei zu sein.

 

Zu dieser Zeit fotografiert Norbert Rosing bereits, vor allem Tiere – wenn auch eher hobbymäßig. Er fliegt zum Vogelzug erneut nach Kanada, dann zur Wanderung der Wale, schließlich zu seinen ersten Eisbären. Sobald die Maschine wieder abhebt, ist er glücklich. Und er lernt Fritz Pölking kennen, den wichtigsten deutschen Tierfotografie-Verleger. Sie freunden sich an, verreisen zusammen. Und Pölking veröffentlicht Rosings Bilder. „Fotografie draußen“ heißt seine Zeitschrift, heute „Naturfoto“. Rosing knüpft Kontakte, lernt immer mehr über die Fotografie. Er erweitert seine Foto-Ausrüstung, steigt auf Leica-Kameras um. Und schließlich, Anfang der neunziger Jahre, tritt er in die NANPA ein, die North American Nature Photography Association – eine Offenbarung für ihn. Denn so wie andere Rockstars bewundern, steht Rosing plötzlich vor seinen Fotografen-Idolen: Frans Lanting, Art Wolfe, Gaylan Rowell, Tom Mangelson.


Norbert Rosing setzt alles auf eine Karte. Er gibt seine Arbeit als Krankenpfleger auf und wird professioneller Naturfotograf. Er beginnt seine ausgedehnten Reisen, auf viele begleitet ihn seine Frau Elli. Und es klappt: National Geographic veröffentlicht seine Bilder. Bereits seine erste Strecke umfasst zwanzig Seiten. Von dem Geld finanziert er weitere Reisen, und dann geht es Schlag auf Schlag: weltweite Veröffentlichungen, Kalender, Bücher, Fernsehshows. Als er zusammen mit dem Buschpiloten Willy Laserich über Victoria Island fliegt, unter ihnen die endlose Schneewüste, spielt das Kofferradio den Hit von ABBA: „I had a dream“.  Und Rosing singt lauthals mit.


Ungefährlich ist Rosings Arbeit nie. Einmal gerät er in einen Schneesturm, verirrt sich, verbringt die Nacht im Schnee. Als er es am nächsten Tag doch zurückschafft, wird er mit Applaus empfangen – ein Suchtrupp mit Hubschrauber und Flugzeugen stand schon bereit. Ein anderes Mal kippt sein Motorschlitten über eine Schneewehe. Rosing verletzt sich am Knie. Aber umdrehen? Das kommt für ihn nicht infrage. Zehn Tage lang lässt er sich durch Eis ziehen. In einer hölzernen Kiste, die andere als Sarg bezeichnen würden.

 

Ich halte mich nicht für besonders mutig. Ich will einfach bloß zu den Motiven. Ob das Mut ist oder Leichtsinn - das müssen andere beurteilen. Ich habe mit Sicherheit viele Sachen gemacht, die andere nicht machen würden. Auf kleinsten Booten, richtigen Nussschalen, dreißig, vierzig Meter auf arktische Meere rausgefahren. Wenn da ein Sturm gekommen wäre, wären wir alle verreckt. Aber das Risiko geht man ein. Der einzige mutige Schritt, den ich gegangen bin, war, dass ich Knall auf Fall meinen Job aufgegeben habe.

 

Nur ein einziges Mal denkt er daran, alles hinzuschmeißen – als die Digitalfotografie aufkommt. Innerhalb weniger Jahre verändert sich die gesamte Branche. Was früher fotografisches Können war, leisten jetzt Bildbearbeitungsprogramme. Honorare sinken, viele Zeitschriften und Agenturen geben auf. Dass Rosing weitermachen kann, verdankt er seinen guten Kontakten. Sein neuestes Buch heißt „Wildnis“: ein Bildband mit Schwarzweißaufnahmen unberührter Natur, aufgenommen mit seiner Leica M Monochrom.


Norbert Rosing und seine Frau leben heute in Grafrath am Ammersee. Kinder hat das Paar nie bekommen. Schaffelle liegen auf den Sesseln, Vinyl-Platten in den Regalen, tibetische Gebetsfähnchen schmücken ein Fenster. Auf dem Sofa: Eisbären aus Plüsch. Im verwilderten Garten erblühen gerade die ersten Kräuter, und zwei Katzen huschen zur Tür herein. Unter dem Dach lagert seine Fotosammlung. Das „analoge Zimmer“, nennt es Rosing. Beinahe wären die beiden nach Kanada ausgewandert. Nur weil Rosing den obligatorischen Sprachtest um drei Punkte nicht besteht, klappt es nicht. Heute sind sie froh. Das Leben dort ist hart, und seit großflächiger Überschwemmungen im letzten Jahr leidet Churchill unter großem Bevölkerungsschwund. Und Rosing ist auch viel in Deutschland unterwegs, hält Vorträge und betreut das Umweltfotofestival „Horizonte“ in Zingst als Berater. Für ihn, sagt er, zähle nur, dass er in einer halben Stunde am Flughafen sein kann.

 

Ohne Kamera hätte ich das alles nicht gemacht. Da wirst du zum Jäger. Ich will nicht sagen, ich werde unangenehmer, aber ich werde forschender. Vor zwei Jahren war ich sechs Wochen mit einem Schiff vor der grönländischen Küste. Der Kapitän war ein bisschen verrückt, wir haben uns prächtig verstanden. Der ist für mich auf zwanzig Meter nah an Eisberge herangefahren, die siebzig, achtzig Meter hoch waren. Normalerweise musst du 500 Meter Abstand halten. So habe ich Bilder gekriegt, die sonst kein Mensch hat. Wir waren nur zwölf Passagiere an Bord. Einer hat dann gefragt: Aber ist das denn auch sicher? Da habe ich nur geantwortet: Wenn du Sicherheit willst, dann bleib im Bett. 

 

erschienen im Emilo Magazin, 1/2018