"Ich wollte mich einfach nicht mehr verstecken"

In einer Coming-Out-Gruppe lernte der 24-jährige Student Magnus, offen mit seiner Sexualität umzugehen

Von Chris Tomas

"Ich sehe das als Therapie", sagt Magnus, denn so ganz wohl ist ihm nicht dabei, ein Interview zu geben. Gerade mal ein halbes Jahr ist es her, dass sich der 24-jährige Archäologiestudent als homosexuell geoutet hat. Seitdem wissen vier enge Vertraute, dass er schwul ist – und das hat ihn viel Überwindung gekostet. Nicht nur sich selbst, sondern auch seiner Umwelt zu eröffnen, dass er eben "anders" ist, das war alles andere als ein leichter Schritt.

Im Gegensatz zu vielen anderen hatte Magnus aber Glück: Er war mit diesem Problem nicht ganz auf sich allein gestellt. Im vergangenen Herbst besuchte er eine so genannte "Coming-Out-Gruppe", eine Art Selbsthilfegruppe, die vom schwulen Kommunikationszentrum SUB in München organisiert wird. Dort traf er Leute, denen es genauso ging wie ihm, die verwirrt und auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität waren. Leute, die wie er viele Fragen hatten: Bin ich tatsächlich schwul? Was geschieht nun? Wem soll ich es sagen? Und wie soll ich es sagen?

Ein Coming-Out ist nicht nur ein schwieriger, sondern auch ein langer Prozess. Bei Magnus dauerte er fast zehn Jahre. "Mit 14, 15 habe ich zum ersten Mal gedacht: Irgendwas ist anders. Ich habe mich schon für Mädchen interessiert, aber jedes Mal, wenn es ernster wurde, habe ich einen Rückzieher gemacht. Da stimmte einfach die Chemie nicht." In der Coming-Out-Gruppe erfuhr er, dass es nicht nur ihm so geht. Er und viele andere Teilnehmer verdrängten jahrelang, dass sie schwul waren. "Ich hatte von Schwulen immer so ein Klischeebild vor Augen, somit 'heiteitei' und Federboa", sagt Magnus. "Da dachte ich nur: So bin ich doch gar nicht!" Deshalb suchte er, wie viele andere auch, nach Ausreden: Das ist nur eine Phase, du hast einfach die Richtige noch
nicht gefunden. Das geht vorbei.

Ein Coming-Out endet nie

Aber es ging nicht vorbei. "Irgendwann kann man es nicht mehr verdrängen. Im vergangenen Sommer habe ich gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann", sagt er. Seine Familie war damals verreist, und er hatte plötzlich viel Zeit und Ruhe, um sich über einige Dinge klar zu werden. "Dauernd war da dieser Spagat zwischen dem, was ich selber will, und dem, was andere von mir erwarten. Ich wollte mich einfach nicht mehr verstecken." Sich selbst das Schwulsein einzugestehen, das ist der erste wichtige Schritt – das innere Coming-Out. Nach dieser Erkenntnis nahm Magnus seinen Mut zusammen und sprach mit seiner Schwester über seine Homosexualität. Und als diese positiv reagierte, sagte er es auch seinen Eltern.

"Die Familie ist sehr wichtig", sagt Sven Mika. Zusammen mit Andreas Täubert leitet der 32-Jährige die Coming-Out-Gruppen im SUB (dem Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum München e.V.). "Eltern und Geschwister geben einem den Rückhalt, sich wenigstens zuhause frei bewegen zu können." Fast alle Teilnehmer der letzten Coming-Out-Gruppe hatten sich bereits bei ihrer Familie geoutet, bevor sie zur Gruppe kamen. "Meistens ist der erste Schritt aber das Gespräch mit der besten Freundin", sagt Andreas, "oder eben die Schwester. Mädchen sind verschwiegener. Jungs sagen immer gleich: 'Iiih!'" Aber so ein erstes Öffnen ist nur der Anfang vom Coming-Out. In der Gruppe suchen die Teilnehmer dann gemeinsam nach guten Argumenten, wie man es anderen sagen kann. "Das Coming-Out hört nie auf", sagt Sven, "irgendjemandem muss man sich ja immer erklären."

Zwei Mal im Jahr beginnt eine neue Coming-Out-Gruppe: immer im Herbst und im Frühjahr. Da Sven und Andreas die Gruppen ehrenamtlich leiten, ist die Teilnahme hier kostenlos. Die jüngsten der zehn bis zwölf Teilnehmer sind meist um die 18 Jahre alt, die ältesten schon über vierzig. Alle waren zuvor bei einem Einzelgespräch, welches das SUB ebenfalls anbietet. Eine Coming-Out-Gruppe umfasst zehn Abende – plus einen gemeinsamen Tag. In den wöchentlichen Sitzungen werden dann unterschiedliche Themen behandelt: Beziehungen, zwischenmenschliche Kommunikation, Gesundheit oder Sexualität. Sogar eine kleine "Flirtschule" ist dabei. Und im
Anschluss testen die Teilnehmer dann Münchens schwule Kneipen.

Die unterschiedlichen Themen bestimmen auch die Stimmung in den Sitzungen. Am Anfang ist die Atmosphäre oft noch sehr verkrampft. "Ich bin damals mit sehr gemischten Gefühlen hingegangen", sagt Magnus. Er war auf das Angebot im Internet aufmerksam geworden. "Man weiß gar nicht, was da auf einen zukommt. Aber nach drei, vier Abenden wurde es lockerer." Es braucht eine Weile, bis alle Teilnehmer sich kennen gelernt haben und auch bereit sind, etwas Persönliches zu erzählen. "Und es waren ganz unterschiedliche Leute dabei", erzählt Magnus, "lustige, ernste oder verplante Typen." Die Coming-Out-Gruppe ist für die meisten der erste richtige Kontakt zur schwulen Community. Und damit ein weiterer Schritt zum richtigen Coming-Out. "Wer diesen Weg findet, hat schon die Hälfte geschafft", sagt Leiter Sven Mika. 

Es gibt keine "Lösungen" 

Für die Sitzungen in der Coming-Out–Gruppe gelten sieben "goldene Regeln": Pünktlichkeit, Verschwiegenheit, Eigenverantwortlichkeit, es gibt keinen Alkohol, und Handys müssen ausgeschaltet werden. Wenn jemandem Themen zu persönlich werden, darf er "Stopp" sagen. Und akute Probleme haben Vorrang vor allgemeinen Fragen. "Wir können in unserer Gruppe keine Lösungen anbieten", sagt Sven Mika. "Die gibt es auch gar nicht. Aber wir können die richtigen Fragen stellen." Aussteigen kann man übrigens immer: "Wir hatten auch mal jemanden, demnach der dritten Sitzung eingefallen ist, dass er doch nicht schwul ist. Das ist kein Problem."

Sven hat als Coming-Out-Gruppenleiter eine spezielle Schulung besucht. "Meine Lieblingsmethode ist der 'Schwule Lebenslauf'", sagt er. Dabei zeichnet jeder Teilnehmer in ein Koordinatensystem ein, wie es ihm in punkto Sexualität bisher ergangen ist: "Die erste Freundin, die Erkenntnis, dass man doch irgendwie anders ist, und so weiter", erklärt Sven. "Damit kann man erkennen, wo man sich gerade befindet." Bei einer anderen Methode überlegen die Teilnehmer gemeinsam, welche negativen Reaktionen beim Coming-Out kommen könnten. Alle erdenklichen Horrorvorstellungen werden auf einen Zettel geschrieben und dann wird nach möglichen Antworten gesucht. Hausaufgaben gibt es aber nicht. "Wir schicken niemand mit einem Schwulenmagazin über den Marienplatz", sagt Sven. Ex-Teilnehmer Magnus resümiert: "Ich sehe die Gruppe wie einen Werkzeugkasten. Man bekommt verschiedene Hilfestellungen, und es liegt dann an einem selbst, was man daraus macht."

Magnus lebt nun seit einem halben Jahr offiziell geoutet. Mit einigen anderen Teilnehmern der Coming-Out-Gruppe hat sich ein Freundeskreis gebildet, mit dem er oft am Wochenende durch schwule Kneipen und Clubs zieht. "Dann sieht man endlich mal, was sich hinter den ganzen schwarzen Scheiben und geschlossenen Türen verbirgt. Ich hatte vorher ganz abstruse Vorstellungen", sagt er. "Aber dann habe ich festgestellt, dass das, was immer so als 'einschlägige Clubs' bezeichnet wird, eigentlich ganz harmlos ist." Tuntiges Gehabe findet er höchstens lustig: "Ich weiß ja, dass ich nicht so bin." Fehlt nur noch eine Beziehung: Einen Freund hatte Magnus bisher nicht. "Spaß für eine Nacht, da bin ich nicht der Typ dafür. Ich bin eher der romantische Träumer." 

Noch immer hat er allerdings das Gefühl, in zwei Welten zu leben. In seinem Heimatdorf am Ammersee weiß niemand, dass er schwul ist. "Aber ich vertusche das nicht mehr. Vor einem Jahr war das noch anders, aber jetzt weiß ich, wer ich bin, und was ich will."

Viele homosexuelle Jugendliche, glaubt Gruppenleiter Sven, haben es heute leichter. Es gibt überall Angebote, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären. Aber gleichzeitig gibt es viele Bereiche, in denen man von Gleichberechtigung nicht reden kann. "Homosexuelle werden toleriert, aber nicht akzeptiert", sagt Sven. Magnus betrachtet sein Coming-Out im Nachhinein als positiv und befreiend. "Wenn man merkt, dass man schwul ist, bricht erst mal eine Welt für einen zusammen. Aber nach dem Coming-Out wächst man über sich hinaus." Für die Zukunft wünscht er sich, noch offener und spontaner mit seinem Schwulsein umgehen können. "Wenn im Freundeskreis herumgeflachst wird, möchte ich gern sagen können: Moment mal, ich bin auch schwul! Aber das traue ich mich meistens einfach noch nicht." 

KONTAKTE__

Für Männer bietet das SUB (Müllerstraße 43, Telefon 260 228 19, www.subonline.org) zweimal im Jahr Coming-Out-Gruppen an. Für Frauen werden Coming-Out-Gruppen ebenfalls zweimal im Jahr von der LeTra (Angertorstraße 3, Telefon 725 42 72, www.letra.de) organisiert. Beginn der Veranstaltungen ist jeweils im Frühjahr und im Herbst, die nächsten Coming-Out-Gruppen starten im Frühjahr 2005. Die Teilnahme an den Gruppen kostet zum Teil eine geringe Gebühr, und man sollte sich rechtzeitig dort anmelden. 

Schwule und Lesben bis zum Alter von 27 Jahren können sich außerdem an "Diversity" wenden (www.diversity-muenchen.de), den Dachverband der LesBiSchwulen Jugendgruppen in München. Der Verband vermittelt Kontakte zu den J.U.N.G.S. oder dem Mädchentreff "Ragazza" und betreibt das "Diversity Café" (Blumenstraße 7). Informationen und Kontakte zu weiteren Coming-Out-Gruppen in Bayern findet man zum Beispiel im Internet unter www.gaystation.de.

 

Erschienen bei jetzt.de / Süddeutsche Zeitung am 25. Januar 2005