Die Stille im Zentrum Europas

Westerngrund war lange ein eher unauffälliges Dorf an einem der nordöstlichsten Zipfel Bayerns, im unterfränkischen Kreis Aschaffenburg. Nicht zu groß und nicht zu klein, mit einer Kirche, einer Schule und drei Bächen. Seit dem 1. Juli 2013 ist Westerngrund noch etwas: der geografische Mittelpunkt der EU. Hat das für die Westerngrunder irgendetwas verändert?

von Chris Tomas

 

Zentral gelegen ist die Mitte nicht. Eine Stunde schon lässt der Bus nach Westerngrund auf sich warten – zu dem Ort, der sich seit dem Beitritt Kroatiens im letzten Sommer offiziell "geografischer Mittelpunkt der Europäischen Union" nennen darf. So hat es das Institut National de l’information géografique et forestière in Paris verkündet und damit aus einer verschlafenen 1900-Einwohner-Gemeinde im äußersten Norden Bayerns im Landkreis Aschaffenburg eine Sehenswürdigkeit gemacht.

Touristen kämen jetzt hierher, heißt es, ganze Schulklassen. Doch abgesehen von einer Plastiktüte, die der Wind die Straße hinunter treibt, bewegt sich hier, wenige Kilometer vom Zentrum Europas entfernt, gerade nichts. Eine einzige Buslinie, die stündlich verkehrt, verbindet den neuen Mittelpunkt mit dem Rest der EU. Und dieser Bus fährt nicht etwa wie alle anderen vom Gelnhausener Bahnhofsvorplatz ab, nein: Für ihn ist eine Extrahaltestelle eingerichtet, die nur findet, wer sich durch eine Unterführung zum Hinterausgang des Bahnhofs über den Parkplatz bis vor eine Lagerhalle bemüht.

Vielleicht hat Gelnhausen kein großes Interesse daran, den Weg nach Westerngrund einfach zu gestalten. Nicht nur weil Gelnhausen zu Hessen gehört und Westerngrund zu Bayern. Sondern weil  Gelnhausens Vorort Meerholz bis Juli 2013 selber noch geografischer Mittelpunkt der EU war. Drei Tonnen schwer war das Monument, das dafür errichtet wurde, ein großer runder Stein mit metallener Windrose darauf. Doch dann kam Kroatien hinzu, und Gelnhausen musste seinen Titel abgeben, noch dazu an ein anderes Bundesland. Der Stein steht jetzt verwaist am Rande eines Ackers.

Schon seit den 80er Jahren rechnet das Pariser Institut aus, wo sich der Mittelpunkt der EU befindet, in einem komplizierten Verfahren, das den geometrischen Schwerpunkt der Landmasse ermittelt. Doch da die Zahl der Mitgliedsstaaten ständig steigt, wandert der Titel alle paar Jahre weiter. Lag er Anfang der 90er Jahre noch im französischen Saint-Clément, so ging er 1995 an Viroinval in Belgien. Nach der ersten EU-Osterweiterung 2004 wurde die rheinland-pfälzische Gemeinde Kleinmaischeid zur Mitte erklärt; mit der zweiten EU-Osterweiterung, dem Beitritt von Rumänien und Bulgarien, wanderte der Titel 2007 nach Meerholz. In all diesen Orten stehen bis heute die dafür errichteten Denkmäler.

Und nun also Westerngrund. Endlich ist der Bus da und gibt Gas. Grüne Hügel, Äcker und Bauminseln ziehen vorbei, Pferde grasen neben windschiefen Jägerhochsitzen. Großenhausen, Waldrode heißen die Orte hier, niemand steigt zu. Nach einem Waldstück eine Anhöhe, erste Häuser im Tal werden sichtbar, dahinter der weite Spessart. Wir sind in Bayern. An der Hauptstraße von Westerngrund endet die Fahrt.

Es ist still hier. Allein das Tor eines Kinderspielplatzes klappert im Wind. Vögel zwitschern, irgendwo rumort eine Motorsäge. An der Kreuzung ein Bildstock mit dem Heiligen Wendelin, eine Bäckerei, Sitzbänke neben Stiefmütterchen. Dahinter ein- und zweistöckige Häuser mit Giebeldach und kleinen Vorgärten, aus Stein oder in warmen Farben gestrichen, hie und da etwas Fachwerk.

Westerngrund ist ein Zusammenschluss aus drei Dörfern: Oberwestern, Unterwestern und Huckelheim sind seit 1972 in einer Gemeinde vereint. Doch ihre Geschichte reicht viel weiter zurück, die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1282. Einst gab es hier Silber- und Kupferminen, heute ist Westerngrund von Landwirtschaft geprägt. Hühner lugen interessiert aus ihren Gehegen, Schafe und Pferde weiden auf den Hängen.

Der Mittelpunkt der EU liegt gleich am Ortsausgang. 50° 7‘ 1 nördliche Breite und 9° 15′ 53 östliche Länge bezeichnen eine abschüssige Wiese, wenige Meter neben dem Ortschild. Mit einem großen Fest, Blasmusik und Luftballons hatte man die Mitte letztes Jahr hier eingeweiht. Am exakten Punkt ist eine EU-Flagge errichtet worden, daneben flattern vier weitere Fahnen im Wind: Deutschland, Bayern, Franken, Westerngrund. Eine Tafel zeigt eine Europakarte mit Westerngrund im Zentrum, die Plastikfolie darüber ist eingerissen. Im Gras daneben liegen große, wetterfeste Lettern aus Metall, die wohl einmal den Schriftzug "Westerngrund EU" bildeten. Aber die Buchstaben wurden nicht im Boden verankert, und längst haben Spaßvögel sie umgelegt.  "Wurst EU" prangt es jetzt weithin sichtbar am Hang.

Auch hier: Stille. Zwei Vespertische laden zum Zusammensitzen ein, perfektes Ausflugswetter, aber im Zentrum Europas ist Gesellschaft nicht in Sicht. Wurst EU. Auf der Wiese ist ein Briefkasten angebracht, darin liegt ein Gästebuch. "Es grüßt die Rentner-Gang". "Der Kegelclub Pudelroller war hier". Ein Arzt aus Frankfurt hat seinen Praxisstempel hinterlassen, Besucher aus Italien, Mexiko, Polen und Großbritannien haben sich mit Unterschriften verewigt. Wo sind diese Menschen geblieben? Auch aus Westerngrund haben sich Leute eingetragen. Doch ob mit Stolz oder aus Langeweile, das verrät das Gipfelbuch nicht. Interessiert es die Menschen, im Mittelpunkt Europas zu leben? Hat der Titel Westerngrund verändert? Wieder zurück im Dorf gibt es nicht viele Menschen, die man fragen könnte. Die 16-jährige Lea ist selbst nicht von hier. "Doch, cool", findet das alles, "jetzt kennt halt jeder Westerngrund." Joshua, 18, sagt, es sei "schon spannend zu sehen, welche Leute hierher kommen. Sogar aus München. Aber verändert hat sich eigentlich nichts. Vielleicht für den Bäcker. Der backt jetzt EU-Brot."

EU-Brot – wie das wohl aussehen mag? "Gibt’s nimmer!" heißt es in der Bäckerei. "Des wollt keiner. Ist immer nur liegengeblieben." Das EU-Brot war ein rustikales Bauernbrot mit Gewürzen. Frühlingsbrot kaufen die Leute heute. Sie parken vor dem Eingang am Straßenrand, wechseln ein paar Worte, fahren weiter. Zum Thema EU will man in der Bäckerei nichts sagen. Mit der Presse, da wurde schon genug gesprochen. "Irgendwann is mal gut."

Nach der Bäckerei wird es schwierig, in Westerngrund noch einen Ort zu finden, an dem sich Menschen treffen. "Zur neuen Welt" heißt ein Gasthaus an der Hauptstraße, doch es wirkt heruntergekommen, Tür und Fenster sind  verrammelt – die neue Welt hat geschlossen. Den "Kuhstall" am südlichen Ortsausgang hatte die Bäckereiverkäuferin empfohlen. Auch hier ist zu. Jetzt bleibt nur noch eins.

Der Friedhof von Westerngrund liegt oben auf dem Kirchberg. Eine steile Straße windet sich zu ihm hinauf, vorbei an einer Schule aus dem Jahr 1839 und efeubewachsenen Häusern. In einem Schaukasten lädt die Missionsstrickerei zum Fastenessen ein. Namen auf Grabsteinen, Büttner, Kilchenstein, Heim, wieder Büttner. Ausländische Namen sind nicht dabei. Leben in der Mitte der EU denn gar keine Migranten? "Nee", sagt eine ältere Dame, die Blumen aus ihrem Auto holt, und wendet sich ab. "In Westerngrund ist schon jeder Ausländer, der nicht aus Westerngrund kommt", erklärt ein Mann. Dieter Schornick stammt ursprünglich aus der Pfalz und hat selbst lange für die EU gearbeitet. "Dass Westerngrund der Mittelpunkt ist, daraus könnte man so viel mehr machen. Führungen zum Beispiel, das habe ich selbst schon angeboten. Ich kenne mich ja aus. Aber es gab keine Reaktion darauf."

Ach, Westerngrund. Eine kleine ländliche Gemeinde, die Veränderungen nicht mag und Fremden gegenüber misstrauisch eingestellt ist. Die sich freut, wenn man sie kennt, aber in der nur dazu gehört, wer schon immer da war. Damit ist der Ort wahrscheinlich europäischer als jede Metropole. Weil es genau so in unzähligen ländlichen Gemeinden zugehen dürfte, ob in Spanien, Litauen oder Griechenland. Weil Europa für viele Menschen letztlich das ist: Westerngrund. Nicht Brüssel oder Straßburg.

Einen Menschen gilt es noch zu treffen in Westerngrund, den Bürgermeister. Josef Kilgenstein, kurzes graues Haar und Schnauzbart, goldenes Halskettchen, ist 66 und nur noch wenige Wochen im Amt, dann geht er in Rente. Dass er noch miterleben durfte, wie sein Ort zum Mittelpunkt der EU wurde, klar mache ihn das stolz. "Es kommen sehr viele Leute her, mehr als ich erwartet hätte. Natürlich versuchen wir, das auch darzustellen, aber wir sind ja nur eine kleine Gemeinde." Findet man es hier seltsam, dass sich Bayern nun den Mittelpunkt der EU für sich beanspruchen darf – wo wir doch eigentlich in Franken sind? „Ach“, antwortet er, "Unterfranken gehört ja schon zweihundert Jahre zu Bayern, da haben wir uns dran gewöhnt. Wir fühlen uns vielleicht nicht als Urbayern, aber schon als Bayern." Nur der Minister Söder, sagt Kilgenstein, der habe sich explizit für die Franken-Flagge am Monument eingesetzt.

Aber die Gestaltung da oben am Hang ist Josef Kilgenstein jetzt auch nicht mehr wichtig. "Wir machen da nichts mehr. Das wäre sinnlos", sagt er. "Es gibt ja schon wieder einen neuen Mittelpunkt." Weil die Inselgruppe Mayotte im Indischen Ozean, die als "Gebiet in äußerster Randlage" zu Frankreich gehört, 2014 Teil der EU geworden ist, verschiebt sich der Mittelpunkt erneut –um 500 Meter. Er bleibt der Gemeinde Westerngrund erhalten, muss  aber von einer Wiese auf eine andere umziehen. Mit "Wurst-EU" ist dann Schluss – am neuen Mittelpunkt soll alles anders werden, mit Hütte, Parkplätzen, dem ersten geodätischen Referenzpunkt in Unterfranken – und einem weiteren Monument. Und "aus Spessartsandstein", sagt der Bürgermeister.

Im Bus zurück ist es Zeit für einen Schluck Frankenwein, am Ende des Tages bei "Schlabbe-Sebbl" gekauft. Auf dich, Westerngrund, und darauf, dass du den Wanderpokal halten durftest. Am 9. Mai 2014 wurde der neue Mittelpunkt der EU in Westerngrund eingeweiht – mit Fest, Blasmusik und Luftballons.  So bald wird er sich jetzt nicht wieder verschieben, hofft man.

 

Erschienen am 11. Juli 2014 in der MUH.