Super-Gentrifizierung: Werden Innenstädte zu Reichen-Ghettos?

Wohnen wird in vielen deutschen Städten immer teurer. Nicht nur sozial schwächer gestellte Menschen können sich hier keine Wohnung mehr leisten – selbst Normalverdiener müssen jetzt oft wegziehen. Soziologen warnen vor einer "Super-Gentrifizierung".

Screenshot Welt der Wunder

von Chris Tomas

 

"Wäre das Tivoli Garden ein Theater, hätte es ausschließlich Logenplätze" – so wirbt die Immobilienfirma "Bauwerk Capital" für ihre neue Luxuswohnanlage im Münchner Stadtteil Lehel. Hier, mitten in eine Stadt, in der die Wohnungsnot größer ist als irgendwo sonst in Deutschland, setzt das Unternehmen 400 Quadratmeter große Edelapartments mit Wellnessbereich, Fußbodenheizung, Skydeck und persönlichem Landschaftsarchitekten. Über fünf Millionen Euro kostet die größte Wohnung in dem Komplex. Die Käufer scheint der Preis nicht zu stören: Zwanzig der insgesamt 28 Apartments sind schon weg – und das, obwohl das Haus erst noch gebaut werden muss.

 

Das Münchner Lehel ist das teuerste Stadtviertel Deutschlands. Ein Quadratmeter kostet hier im Durchschnitt 6226 Euro – 15 Prozent mehr als noch im letzten Jahr. Und die Preisspanne ist nach oben offen: Erst Anfang des Jahres stand eine Wohnung für 18.000 Euro pro Quadratmeter zum Verkauf. Dabei war das Lehel noch um die Jahrhundertwende ein Slumviertel mit heruntergekommenen Gassen und feuchten Herbergshäusern, in denen sich Großfamilien drängten. Doch in den sechziger Jahren, als die Olympischen Spiele anstanden und München einen Bauboom erlebte, wurde das Lehel luxussaniert. Die Proteste der Einwohner blieben zwecklos – heute sind Wohnungen hier begehrter als jemals zuvor. Und immer weniger Menschen können sie sich leisten.

 

Wer Geld hat, investiert in die richtige Postleitzahl

 

"Gentrifizierung" – noch vor zehn Jahren kannten höchstens Stadtplaner und Sozialwissenschaftler diesen Begriff. Längst hat sich das geändert. Wer in einer Großstadt lebt, erlebt jeden Tag, wie sich ein Viertel nach dem anderen verändert. Ein unattraktiver Bezirk mit billigen Mieten oder leerstehenden Wohnungen wird von "Pionieren" erobert – Künstler oder Studenten, die sich hier kreativ entfalten können. Dann wird der Stadtteil zum Szeneviertel, Cafés und Boutiquen eröffnen. Die Mieten werden teurer, denn jetzt ist die Lage attraktiv. Das Viertel wurde "geadelt" – das meint Gentrifizierung dem Wortsinn nach. Zum Schluss wird die alteingesessene, meist ärmere Bevölkerung verdrängt. Sie kann sich das Viertel nicht mehr leisten. Und die Entwicklung verlagert sich in den nächsten Stadtteil.

 

Bislang hatten viele Soziologen und Stadtplaner angenommen, dass die Gentrifizierung damit abgeschlossen sei. Doch stattdessen können sie jetzt eine neue Stufe in dem Prozess beobachten: Waren es bislang eher Angehörige der Mittelschicht, die sich in den angesagten Stadtteilen niederließen, so werden inzwischen sogar die vertrieben – von wirklich Reichen. "Super-Gentrifizierung" nennen die Forscher das, wenn ein bereits gentrifiziertes Viertel so eine erneute Welle der Verdrängung erlebt. Erkennen lässt sich diese Tendenz in immer mehr großen Städten. Das Wohnen im richtigen Viertel gilt als erstrebenswert: Wer Geld hat, investiert in die richtige Postleitzahl. Zog es Reiche früher noch aus den Städten heraus ins Grüne, in abgeschiedenen Villengegenden, so erobern sie nun die Stadtzentren zurück. Hier locken Geschäfte, Restaurants und kulturelle Einrichtungen, die Nähe zum Arbeitsplatz und eine gute öffentliche Anbindung. Forscher wie der britische Soziologe Rowland Atkinson sehen einen "urbanen Kolonialismus" auf die Städte zukommen – und zwar mit schwerwiegenden Folgen.

 

New York: Wie Brooklyn Heights vom Slum zum Nobelviertel wurde

 

Der Begriff "Super-Gentrifizierung" wurde erstmals von der britischen Geografie-Professorin Loretta Lees verwendet. Im Jahr 2003 hatte sie das Phänomen im New Yorker Stadtteil Brooklyn Heights beobachtet. Hier gibt es noch etwa sechshundert der pittoresken Brownstone-Häuser, die im frühen 19. Jahrhundert entstanden sind und selbst den amerikanischen Bürgerkrieg überdauert haben. Gleichzeitig liegt das Viertel sehr zentral – mehrere U-Bahnen verbinden Brooklyn Heights mit Manhattan, schon im 19. Jahrhundert war es mit der Fähre nur ein Katzensprung bis zur Wall Street.

 

Brooklyn Heights galt lange als Paradebeispiel für den Prozess der Gentrifizierung. Anfang des 20. Jahrhunderts bestand die Bevölkerung hauptsächlich aus Arbeiterfamilien und Berufspendlern. Nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings änderte sich das. Junge Künstler und Kreative sahen in Brooklyn Heights eine Alternative zum teuren Manhattan. Sie ließen sich hier nieder und brachten die alten Brownstone-Häuser auf Vordermann, die eigentlich für den Bau einer Bahnstrecke abgerissen werden sollten. Aus punktuellen Veränderungen, der ersten Welle der Gentrifizierung, wurden flächendeckende Veränderungen, die zweite Welle. Das Image des Viertels wandelt sich – insbesondere ab 1965, als Brooklyn Heights schließlich zum "Historischen Viertel" ernannt und unter Schutz gestellt wurde. Es folgte die dritte Welle der Gentrifizierung: Die Mieten stiegen, und in den sechziger und siebziger Jahren siedelte sich die Mittelschicht hier an.

 

Vom Slum zum Szene-Kiez, vom Szene-Kíez zum Nobelviertel

 

In den neunziger Jahren beobachtete Lees dann eine bislang ungekannte, vierte Welle der Gentrifizierung, die sie "Super-Gentrifizierung" taufte: Brooklyn Heights wurde zum Reichenviertel. Lag das Jahreseinkommen einer durchschnittlichen Familie hier in den siebziger Jahren noch bei rund zwanzigtausend Dollar, so musste man im Jahr 2000 schon zehn Mal so viel verdienen, um sich ein Leben hier leisten zu können. Ein Brownstone, das früher für rund zweihunderttausend US-Dollar zu haben war, kostete jetzt nämlich schon anderthalb Millionen. Und bestand das Viertel einst zu neunzig Prozent aus Mietwohnungen, so waren es im Jahr 2000 bereits zu vierzig Prozent Eigentumswohnungen. Gleichzeitig hatte sich die Zahl der Einwohner, die in Führungspositionen arbeiten, mehr als verdoppelt.

 

Hatte man früher angenommen, dass Gentrifizierungsprozesse irgendwann abgeschlossen sind, so hatte Brooklyn Heights gezeigt: Die Entwicklung scheint nach oben hin offen. Und New York ist nicht die einzige Stadt, in der das geschieht. Lees und ihre Kollege Tim Butler konnten ein ähnliches Phänomen im Londoner Stadtteil Barnsbury nachweisen. In Deutschland gilt Düsseldorf-Oberkassel als supergentrifiziert. Und auch Berlins Bezirk Prenzlauer Berg zeigt Tendenzen in diese Richtung.

 

Für die Städte hat die Super-Gentrifizierung schwerwiegende Folgen. Hatten die Gentrifizierer zunächst heruntergekommene Viertel mit Leben gefüllt, so lassen Supergentrifizierer die attraktiv gewordenen Viertel veröden. Wurden früher noch Altbauten renoviert und Leerstand gefüllt, so müssen die Häuser jetzt Luxusneubauten weichen, und Mietwohnungen in guter Lage werden in Eigentum umgewandelt. Kleine Geschäfte und Lokale, oft alteingesessen oder in Familienbetrieb, müssen schließen, weil die Pacht unbezahlbar wird. Das lebendige Nachtleben, das dem Szeneviertel einst Charme verlieh, stirbt. Klar: Wer viel Geld für eine Wohnung bezahlt hat, möchte nachts nicht durch Ruhestörung belästigt werden. Supergentrifizierer suchen kein Leben vor dem Fenster, sie suchen Rückzugsoasen – mitten in der Großstadt. Brooklyn Heights, einst Ort kreativen Schaffens von Arthur Miller oder Bob Dylan, gleich heute einer Geisterstadt. Und wer abends im Münchner Lehel unterwegs ist, blickt auf ausgestorbene Straßen.

 

Schreitet dieser Prozess weiter voran, wird sich in einigen Jahrzehnten nur noch die Oberschicht ein Leben in der Stadt leisten können. Wie in Paris: Für eine Zweizimmerwohnung von fünfzig Quadratmetern werden in der Stadtmitte schnell 2.000 Euro fällig. Neun Millionen Menschen leben deshalb außerhalb. Und auch in Deutschland gilt: Wer zentral wohnen will, muss zahlen. Ein Drittel aller Menschen, die aus München wegziehen, nennen die hohen Mieten als Grund. In Berlin-Prenzlauer Berg haben sich seit dem Fall der Mauer achtzig Prozent der Bevölkerung ausgetauscht. Und in England ist ein Leben in London-Barnsbury inzwischen selbst für Ärzte, Architekten oder Journalisten zu teuer. Fatal ist das auch für das Dienstleistungsgewerbe: Da sich Altenpfleger und Erzieher, Polizisten oder Handwerker in der Innenstadt keine Wohnung mehr leisten können, werden die Fachkräfte knapp. Und auch viele Auszubildende finden keine Bleibe.

 

Stadtzentren veröden, die Mittelschicht wandert ab

 

Super-Gentrifizierung verändert die Gesellschaft in den Städten: Arm und Reich leben nicht länger nebeneinander. "Klassen" bleiben unter sich, die Durchmischung der Bevölkerung nimmt ab. Hatten die Gentrifizierer noch ein starkes Bewusstsein für Gemeinschaft, so tendieren Supergentrifizierer dazu, unter sich zu bleiben. "Prenzlauer Berg ist Apartheid, die noch nicht einmal weiß, dass sie Apartheid ist" – so beschrieb es der Kasseler Soziologieprofessor Heinz Bude in einem Interview mit der sonntaz. "Die Segregationsprämie bezahlt man hier mit dem Mietpreis."

 

Nicht nur Wissenschaftler, auch zahlreiche Vereine und Bürgerinitiativen fordern inzwischen politisches Handeln, um diese Entwicklung zu stoppen. Dass Häuser und Viertel in ihrem Charakter erhalten bleiben, mehr Wohnungen im Besitz der Städte bleiben, Mietpreise reguliert werden. Und: dass ein Leben in der Stadt für jeden möglich bleibt. Bislang jedoch hatten sie damit wenig Erfolg. 

 

Erschienen bei Welt der Wunder / MSN-Wissen am 15. Juli 2013